Evang.-Luth. Kirchengemeinde Elsen

Ansprache zum Jahreswechsel

von Pfarrer Felix Klemme

 

Was einem ja für gewöhnlich lebendig im Gedächtnis bleibt, sind die Geschichten um Jesus, in denen er etwas erlebt. Die Begegnung mit Zachäus auf dem Baum, seine Taufe, bei der sich die Taube auf ihn setzt, oder die Passionsszene, in der er zerschunden sein Kreuz selbst den Berg hinauf zur Hinrichtungsstätte tragen soll und unverhofft Hilfe bekommt.

Eher abstrakt und daher nicht so eingängig sind oftmals die Reden und Lehren Jesu. Und dabei haben die es unglaublich in sich. Die „Rede auf dem Feld“ im Lukasevangelium ist eine große Parallele zur berühmten Bergpredigt, die wiederum bei Matthäus überliefert ist. Lang und breit spricht Jesus über unser Handeln unter dem Willen Gottes. Wie möchte Gott, dass wir unser Leben leben? Wie können wir mit unserem Handeln Gott näher kommen und andere Menschen Gott näher bringen? Jesus weiß, dass solche Reden ziemlich trocken oder belehrend herüberkommen können. Daher nimmt er auch ein paar sprachliche Bilder mit in die Rede hinein. Schließlich will er damit nicht nur Nicken hervorrufen. „Geh und handle danach“ ist die Maßgabe, unter der Jesus sich die Zeit und Luft nimmt, zu den Leuten zu sprechen. Er will motivieren.

 

Im Hintergrund erahnst du vielleicht, was Jesus dir mit dem Satz sagen will: „Derselbe Maßstab, den ihr an andere anlegt, wird auch für euch gelten.“ Die goldene Regel kennt man im Allgemeinen: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Der gesunde Menschenverstand stimmt diesem Satz zu. Bin ich nett und gut zu dir, dann wirst du das auch zu mir sein. Wie man in den Wald schreit… Ihr habt verstanden, worauf ich hinaus möchte.

Zustimmung ist also schon einmal da. Ich kann beinahe von meinem Schreibtisch aus sehen, wie ihr zu Hause gerade diese goldene Regel mit einem Nicken zur Kenntnis nehmt. Und jetzt habe ich vorhin ja auch schon gesagt, dass Jesus da noch weiter geht. In jedweder Hinsicht.


Schenkt, dann wird Gott euch auch beschenken.“ Belohnung stellt Jesus uns in Aussicht, wenn wir geben. Gott selbst schaut mir zufrieden über die Schulter, wenn ich Gutes tue. Gott selbst steht dahinter und freut sich, dass ich diesen Mechanismus der Goldenen Regel in Gang setze. Den Tag eines anderen Menschen verschönere. Dadurch, dass ich aufmerksam bin. Dass ich schenke.

Aber ein Geschenk funktioniert eigentlich ohne , dass ich etwas von dir dafür zurück erwarte. Es ist ein Geschenk und kein Handel, kein Tausch der Gefälligkeiten. Der Unterschied ist wichtig. Und du kennst ihn möglicherweise. Es macht ein Geschenk doch überhaupt erst aus, wenn es ohne die Erwartung einer Gegenleistung geschenkt wirkt. Und trotzdem macht Jesus diesen Unterschied nicht.


Jesus will deutlich machen, dass das Schenken keine Einbahnstraße ist. Wer schenkt, der wird auch beschenkt. Ohne, dass es eine Bezahlung ist. Ohne Erwartungen. Aber wer beschenkt wird, der möchte etwas zurück oder sogar weiter geben. Auch dieses Gefühl kennst du vielleicht.

Wie Gott genau schenkt, was er alles bereits in Bewegung gesetzt hat, das werde ich euch im Laufe dieses nächsten Jahres zu Genüge noch berichten. Das könnt ihr selbst erleben, wenn euch Gutes geschieht. Denn Gott fordert nicht einfach, er macht auch den ersten Schritt. Und den Zweiten, und sogar noch den Dritten. Gott selbst hat bereits so dermaßen viele Schritte gemacht, mit denen er uns beschenkt hat. Angefangen überhaupt mit unseren Leben. Und weiter mit seiner Botschaft. Seine Weisung, weiter zu schenken, ist da erst ganz hinten. Und auch sie ist ein Geschenk, denn Güte weiterzugeben, zu schenken, ist auch immer etwas, was mich selbst berührt.


Gott schenkt mir, damit ich schenken kann. Dass ich Liebe und Erfüllung weiter gebe. Dass ich Menschen aufrichte, für sie da bin, helfe, wo ich nur kann. Und damit das Schenken weitergeht, sich verstärkt, niemals aufhört.

Denn so richtig wirksam wird alles dann, wenn ich mich seiner Barmherzigkeit anschließe. Wenn ich mich darauf einlasse, selbst barmherzig zu sein. Das ist es, was Jesus in der Rede auf dem Feld sagen will: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Und das ist das, was für das gesamte nächste Jahr gelten soll: Wir befinden uns mittendrin in einer Dynamik, die der Ordnung der Welt zu Grunde liegt. Gott hat es bereits angestoßen! Er hat uns mit unseren Leben und mit dieser ganzen Inspiration beschenkt, die den Glauben ausmacht. Und wenn ich mich dann immer wieder auf´s Neue darauf einlasse und Güte zeige - echte, ernst gemeinte Güte - dann schaltet diese Inspiration sogar noch einen Gang höher. Als Spirale dreht sie sich nach oben. Es kann süchtig machen, das dankbare Lächeln anderer zu sehen. Und man gewöhnt sich daran, sich in einer Gruppe von Menschen wohl zu fühlen.

So soll es sein! Vielleicht beginnend, vielleicht verstärkt in diesem Jahr. Und dann weitergetragen in die Jahre darauf. Es verändert sich doch sowieso alles. Wieso dann nicht zum Guten?


Einen guten Jahresbeginn 2021 wünsche ich euch!

Amen.