Evang.-Luth. Kirchengemeinde Elsen

Predigt am Sonntag, 13.10.2019 (17. Sonntag nach Trinitatis)

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war, und der da kommt.
Amen.
Den Predigttext für diese Predigt ist das Kinderevangelium. Es wird zu Beginn jeder Taufe verlesen oder nacherzählt. Es steht bei Mk 10:
13 Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an.
14 Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes.
15 Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.
16 Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.

Dieser Text ist nicht der eigentlich für diesen Sonntag vorgesehene Text. Ich habe ihn kurzfristig ausgetauscht. Ich halte es nämlich für notwendig, Stellung zu beziehen. Stellung zu dem, was wir seit drei Wochen hier in der Gemeinde tun.
Wir feiern Abendmahl ohne Alkohol. Und das machen wir auch, aber eben nicht nur für die Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen keinen Alkohol zu sich nehmen dürfen. Wir wollen gemeinsam mit Kindern Abendmahl feiern.

Es gibt Stimmen in unserer Gemeinde, die dem skeptisch gegenüber stehen. Und bevor Sie jetzt denken: „Pfarrer Klemme wird in dieser Predigt irgendwen tadeln!“: Ich bin der festen Überzeugung, diese skeptische Haltung ist auch erst einmal eine gute Sache. Es ist der Kern des evangelischen Christentums, dass jeder Christ und jede Christin sich selbst Gedanken über die Zusammenhänge des Glaubens macht. Dass jede Christin und jeder Christ selbst darüber nachdenkt, was denn wohl im Sinne Gottes und seines/ihres eigenen Glaubens das Richtige ist. Martin Luther in Worms vor dem Kaiser selbst gesagt haben: „Wenn ein Mensch mich auf der Basis von Bibel und Verstand widerlegt, so will ich sofort widerrufen, was ich vormals über den christlichen Glauben gesagt habe.“
Ich bin darüber hinaus der Überzeugung, dass es auch gut evangelisch ist, in einer Predigt genau auf solche Themen einzugehen. Denn nur im Gespräch mit anderen kann man wirklich reflektieren, was denn wirklich für den Glauben und die Gemeinde das Richtige ist. Einfach auf seiner eigenen Meinung beharren bringt einen bestimmt nicht weiter. Es braucht unterschiedliche Positionen. Deshalb möchte ich heute in dieser Predigt darüber sprechen, was es aus einer Gemeinde machen kann, wenn sie das
Abendmahl mit Kindern feiert.

Ich habe diese Predigt in vier Teile eingeteilt:
1) Formulierung der Skepsis gegenüber dem Abendmahl mit Kindern
2) Das Kinderevangelium Mk 10,13-16 als Gegenbild
3) Auswirkungen auf das Glaubenserleben von Kindern
4) Die Konfirmation und Konfirmanden

1) Die Skepsis
Der Hauptpunkt, an dem sich die Skepsis entzündet, scheint die Stellung des Abendmahls in Bezug auf die Konfirmation zu sein. In vielen Gemeinden – so auch in unserer – war es bislang üblich, das Abendmahl erst zu erhalten, wenn man konfirmiert wurde. Der Gedanke dahinter ist, die Konfirmation ernst zu nehmen als Ende einer Grundausbildung in Glaubensfragen und als klare Entscheidung für den christlichen Glauben. Das ist es, was Konfirmation bedeutet: Bestätigung. Ein klares „Ja!“ zur eigenen Taufe, zu der man eben als kleines Kind nicht selbst zustimmen kann. Wir erleben das ja in den Taufen, die wir in unseren Gottesdienst feiern.
Am Abendmahl – so diese Position konsequent weitergedacht – soll also jeder nur dann teilnehmen, wenn er oder sie sich zum Einen bewusst ist, was dort geschieht, und zum Anderen seine Taufe deutlich bejaht hat. Aus diesem Gedanken heraus schließt dies Kinder als Gäste des Abendmahls aus und setzt den Zeitpunkt des ersten Abendmahls auf den Konfirmationstag fest. Formuliert hört man diese Ansicht in Sätzen wie: „Die Konfirmation wird nicht ernst genommen, wenn wir Kinder zum Abendmahl zulassen.“
Ich erkläre das so breit, weil dies ja ein in sich nachvollziehbarer Gedanke ist. Lange Zeit wurde es genau so und genau deshalb so praktiziert. Die Älteren in unserer Gemeinde kennen es nur so und das wird zu ihrer Zeit absolut richtig gewesen sein. Ich als „Jungspund“ mit 33 Lebensjahren kann das natürlich nur erahnen. Jedoch gehe ich stets davon aus, dass Entscheidungen nicht ohne sinnvollen Hintergrund und vernünftiges Nachdenken getroffen worden sind. Ich wiederhole also noch einmal: Die Praxis der Gemeinde, das Abendmahl zuallererst mit der Konfirmation zu reichen/zu feiern ist erst einmal keine Fehlpraxis.

2) Das Kinderevangelium
Gegen diese Auffassung halte ich als Jungspund nun allerdings das sog. Kinderevangelium und die Frage: Wer lädt ein zum Abendmahl? Ist es die Gemeinde, die ja durch Konfirmation bestimmt, wer nach vorn kommen darf oder nicht? Oder ist es Jesus Christus selbst, der das Abendmahl eingesetzt hat mit den Worten: Ich bin immer dann bei euch, wenn ihr dieses Mahl miteinander feiert? Wenn nun Jesus als der Herr der Kirche zum Abendmahl einlädt und nicht wir, dann gilt auch in vollem Umfang das, was derselbe Jesus im Kinderevangelium von sich gibt: Lasst die Kinder zu mir kommen! Wehrt ihnen nicht. Denn solchen gehört das Reich Gottes in besonderem Maß.
Ich möchte das noch etwas tiefergehend erklären:
Stellt euch einmal bitte die Frage: Was genau geschieht im Abendmahl? Wie kann man dieses Geschehen exakt auf eine Erklärung bringen? Ich als (lutherischer) Theologe kann euch sagen: Das geht nicht. Das ist nicht möglich. Das Abendmahl ist ein Geschehen, dass sich vollkommen unserer Kontrolle entzieht. Das ist sogar so wichtig, dass es zum Grundsatz der Lehre Martin Luthers zum Abendmahl geworden ist. Der vertrat nämlich sehr deutlich die Position: „Wir können nicht sagen, wie es geschieht, dass Jesus Christus in diesem Mahl bei uns ist. Aber er hat es uns nun einmal so zugesagt. Und er hält seine Versprechen. Und ich glaube ihm, wenn er so etwas verspricht.“
Das ist auch genau das, was Jesus im Kinderevangelium meint, wenn er sagt: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind... Wer es nicht abgeben kann, kontrollieren zu müssen, wenn es um Dinge geht, die nur Gott entscheidet, dann stehen die Karten schlecht. Genau das tun ja die Jünger, als sie die Kinder abwehren. Sie sagen: Das ist nichts für euch! Und kontrollieren damit, wer vom Evangelium, von Gottes Botschaft und Kraft berührt werden soll und wer eben nicht. „Du bist noch zu klein, du verstehst das nicht“, ist bestimmt einer der Sätze, die da gefallen sind. Und – wenn man es etwas zuspitzt – ist das auch das, was wir sagen, wenn wir Kinder vor der Konfirmation vom Abendmahl ausschließen: „Du bist noch zu klein, du verstehst das nicht“.
Jesus weist die Jünger an, genau diese Kontrolle wieder abzugeben. Zu sein wie Kinder, die ja nun wirklich gewöhnt sein müssen, über ihr Leben eben keine volle Kontrolle zu haben. Die Eltern entscheiden, wann es Essen gibt, wann Schlafenszeit ist, etc. „Seid wie die Kinder“, meint Jesus: „und nehmt es hin, dass ihr eben über bestimmte Dinge absolut keine Kontrolle haben könnt.“

3) Das Glaubenserleben von Kindern
Ich möchte hinzufügen, dass der Ausschluss von Kindern vor der Konfirmation auch für das Glaubensleben der Kleinen heutzutage eher hinderlich denn fördernd ist. Es war früher bestimmt sinnvoll, die Konfirmation etwas zu exklusivieren, etwas zu erhöhen. Man konnte als Jugendlicher auf das erste Abendmahl regelrecht hinfiebern.
Das ist heute in der Mehrheit nicht mehr so. Kinder nehmen das Abendmahl in ihren ersten Jahren eher als etwas wahr, bei dem sie – wieder einmal – ausgeschlossen sind. Und das weckt Frust. DAS christliche Fest der Gemeinschaft dürfen sie nicht erleben. Damit ist die Gefahr groß, dass bereits im Konfirmandenalter das Abendmahl eher egal, ohne Gehalt ist. Wenn ich dagegen mit Kindern dieses Mahl der Gemeinschaft feiere, dann gebe ich ihnen Raum, es von Beginn an kennen zu lernen. Kinder stellen sich und anderen Fragen, sie entdecken, sind neugierig. Und es wird auch für sie selbstverständlich. Ist es nicht wunderbar, wenn Kinder mit dem Gedanken aufwachsen, das Abendmahl gehört selbstverständlich zur Kirche dazu und selbst ich ganz Kleine*r bin ein selbstverständlicher Teil davon? Vielleicht ja sogar als Gegenbild zu vielem anderen in der Welt: Als Kind darf ich ganz viele Dinge nicht tun, nicht anfassen, nicht entscheiden. Aber hier in der Gemeinschaft Gottes, da darf ich dabei sein.

4) Konfirmation und Konfirmanden
Die Konfirmation ist wichtig. Sie müssen Sturm laufen, sollte aus meinem Mund jemals ein Wort kommen, dass dies verneint. Aber man muss sie nicht mehr auf den Sockel stellen. Sie wirkt, auch ohne ein: „Dann darfst du...“ Sie wirkt an denen, die sich Gott erwählt. Als eine Versprachlichung, ein Entdecken des Glaubens, des Vertrauens in Gott, das man in sich trägt. Das geht nur durch Freundlichkeit, durch Offenheit, durch die Liebe Gottes. Das machen wir auch als Christen bei weitem nicht immer richtig und nicht immer gut. Es tut mir Leid, liebe Konfis, dass ich euch nicht oft und deutlich genug zeige, dass ihr unsagbar wertvoll seid. Das könnte ich noch viel besser machen.
Hier im Abendmahl haben wir eine im wahrsten Sinne des Wortes Gott gegebene Chance, es allen zu zeigen. Zu zeigen, wie wertvoll sie vor Gottes Augen sind. Dass sie etwas bekommen, was sie sich eben nicht erst verdienen mussten. Dass sie einfach so, als Getaufte, zum Abendmahl kommen dürfen. Weil sie zu Gott und seiner Gemeinde gehören.
Dieser Eindruck, dieses Gefühl der Selbstverständlichkeit, ist durch nichts zu ersetzen. Es ist eine Einladung, die eben an alle ausgeht. Kommt her! Gott hat euch das Mahl seiner Gemeinschaft bereitet.
Ich wünsche mir, dass diese selbstverständliche Freundlichkeit so stark sie kann von unserer Erlöserkirche ausgeht. Dass jeder Mensch – ob groß oder klein – in Elsen und gern auch darüber hinaus weiß: Hier bin ich eingeladen, hier bin ich willkommen. Denn das ist das Haus Gottes. Von hier soll seine Liebe ausgehen, und niemals wieder versiegen.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne, mache sein Wort unter uns lebendig und gebe uns seinen Frieden, von nun an bis in Ewigkeit.
Amen.