Evang.-Luth. Kirchengemeinde Elsen

Predigt vom 15.03.2020 zur Corona-Situation

Ein ganz kurzes Gebet:

Herr, gib uns ein Herz für dein Wort, und ein Wort für unser Herz.

Amen.

Der Bibeltext für diese Predigt steht im 2. Brief von Paulus an Timotheus, Kapitel 1. Paulus schreibt:

3 Immer wenn ich für dich bete, danke ich Gott. Ihm diene ich mit reinem Gewissen wie schon meine Vorfahren. Tag und Nacht denke ich an dich in meinen Gebeten.

4 Wenn ich mich an deine Abschiedstränen erinnere, dann sehne ich mich danach, wieder bei dir zu sein. Darüber würde ich mich von Herzen freuen.

5 Dankbar erinnere ich mich daran, wie aufrichtig du glaubst; genauso war es schon bei deiner Großmutter Lois und deiner Mutter Eunike. Ich bin überzeugt, dass dieser Glaube auch in dir lebt.

6 Darum bitte ich dich: Lass Gottes Gabe voll in dir wirksam werden. Du hast sie bekommen, als ich dir segnend die Hände auflegte.

7 Denn der Geist, den Gott uns gegeben hat, ist kein Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

Experten haben einmal nachgezählt. Die Aussage „Fürchte dich nicht“ kommt in der Bibel genau 365 Mal vor. Also quasi einmal für jeden Tag im Jahr. Wie ein roter Faden zieht sich dieser Spruch einmal durch die ganze Bibel. Abraham hört ihn, als er sich noch im hohen Alter (er war zu diesem Zeitpunkt 75!) aufmachen soll in ein fremdes Land, das er nicht kennt (vgl. Gen/1Mose 12). Hagar hört ihn, als ihr Sohn in der Wüste unter einem trockenen Busch im Sterben liegt (vgl. Gen/1Mose 21). Maria und die Hirten hören ihn, als sie im Weihnachtsgeschehen Besuch von Engeln erhalten (vgl. Lk 1+2). Und die Frauen, die am leeren Grab Jesu auftauchen, nachdem sie seine Hinrichtung und Grablegung mitangesehen hatten, werden mit diesem Spruch begrüßt (vgl. Joh 20).

Sogar ganz am Ende der Bibel, im letzten Buch, wenn vom Ende der uns bekannten Welt die Rede ist, spricht Christus: „Fürchte dich nicht. Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige.“ (Offb 1,17-18)

Wir haben das wirklich nötig, dass man uns sagt: Fürchte dich nicht! Angst gehört zu den häufigsten Emotionen eines jeden Menschen. Auch wenn man selbst eigentlich eher zu den Mutigen zählt. Es ist Teil meines Lebens. Und deines.

Das macht den Text aus dem 2. Timotheusbrief auch zu einem der beliebtesten Taufsprüche. Eltern geben diesen Spruch am Ende des Textes ihren Kindern mit ins Leben, wünschen ihren Kindern von Herzen: Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

 

Wovor hast du eigentlich Angst? Gerade eben. Ich meine nicht den Ekel vor Paprika oder dem Thrill, wenn du wenn du in einer Achterbahn sitzt und es gerade auf dem höchsten Punkt nach unten beschleunigt. Wo sitzt bei dir die Furcht, der du dich ausgeliefert fühlst? Die dich bestimmt, wenn sie kommt, dich hilflos macht?

Angst hat mit Enge zu tun. Die Blutgefäße verengen sich. Das Herz pumpt das Blut fünfmal schneller durch den Körper.

Ist es die Angst davor, krank zu werden? Wo am Laufenden Band jetzt die ganzen Meldungen umhergehen. Wo selbst diese Gemeinde die Veranstaltungen absagt. Wo sich gerade alles ändert und du nur darauf wartest, die nächste schlechte Nachricht wegen dieses Virus zu bekommen.

Angst hat mit Enge zu tun. Die Muskelspannung nimmt zu. Alles verkrampft sich.

Ist es die Furcht davor, allein, getrennt und orientierungslos zu sein? Wenn du nicht mehr unter Menschen gehen kannst. Keine Gespräche, kein Kontakt mehr. Angst nimmt dir die Lebendigkeit. Und die Perspektiven. Angst macht blind und verengt die Handlungsspielräume.

Vielleicht kannst du damit auch nichts anfangen, aber lässt dich anstecken von der Furcht der anderen. Wenn um dich herum die Leute überreagieren und zitternd auf Packungen von Nudeln und Klopapier sitzen.

Angst ist ein Gefängnis, aus dem man nicht so leicht ausbricht.



Wenn wir uns jetzt anschauen, was um uns herum alles passiert: Einrichtungen schließen, das Gemeindeprogramm ist abgesagt. Man spricht von Ausgangssperre. Dann kannst du es mit der Angst kriegen. Auch wenn die Maßnahmen eben keine Angstreaktion sind, sondern durchdacht und zum Wohl der Gemeinschaft beschlossen.

Das ist was Außerordentliches, das hier gerade geschieht. Und wenn ich schon nicht in Panik gerate, so ein bisschen Angst macht es mir durchaus. Denn machen wir uns nichts vor: Da sind ja auch wirklich Menschen in Gefahr. Es wird Tote geben. Und ernsthaft Erkrankende. Das ist so sicher wie das Amen am Ende dieser Predigt.



Natürlich können Worte nicht einfach die Furcht verschwinden lassen. Das wäre etwas zu einfach, und so funktioniert ja das Leben nicht. Dennoch soll die Angst nicht das sein, was uns bestimmt. Was unser Leben kontrolliert und in enge Bahnen steckt.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. Die meisten von euch kennen die Worte des Psalms 23 (und wenn nicht: Schlagt ihn nach! Das sind wichtige und schöne Worte!).

Das ist Gottes Wille für unser Leben. Das macht es aus, Christin und Christ zu sein! Das Dunkle soll uns nicht erreichen. Auch wenn die Angst uns packt, lassen wir uns nicht gefangennehmen, nicht einengen. Weite, in den Gedanken und im Herzen. Sodass viele Möglichkeiten und viele Menschen in deinem Leben Platz haben. Die Angst verengt. Gott erweitert!



365 Mal „Früchte dich nicht“ in der Bibel. 365 wörtliche Erinnerungen an den Geist, der nicht die Furcht unterstützt, sondern gegen sie anarbeitet. Mit Kraft, mit Liebe und Besonnenheit.



Er ist der Geist der Kraft, die mir meine Machtlosigkeit abnimmt. Indem sie meiner Angst einen neuen Horizont gibt. Das Leben, welches an Ostern in der Ferne aufgeht. Dieses bunte, neue Leben, das es nur nach dem Tod, nach der absoluten Machtlosigkeit geben kann. Das Jesus in der Dunkelheit ankündigte, und mit ihm am dritten Morgen dann den hellichten Tag einleuchtete, in dem wir jetzt als Christ*innen stehen. Die Kraft Gottes, der jedes noch so kleine Detail auf dieser Welt aufmerksam im Blick behält. Er kennt jeden kleinen Spatz mit Namen, und jede Taube auf dem Dach. Er weiß um jedes Haar, das ich morgens missmutig aus dem Waschbecken fische. Ich stehe in der Macht meines Gottes, dem diese ganze Welt gehört! Der mir seinen Geist geschenkt hat. Und der mir durch die Zeiten hindurch für jeden Tag den einen Satz mit auf den Weg gibt: „Früchte dich nicht!“



Er ist der Geist der Liebe. Die Liebe, die mich beim Abschied auf dem Bahnsteig weinen lässt. Und die uns untereinander auch dann verbindet, wenn wir uns nicht in die Augen sehen können, uns nicht immer wieder durch unsere Anwesenheit aneinander erinnern. Wenn wir getrennt voneinander in unseren Wohnzimmern sitzen. Die uns füreinander beten lässt, und uns dann das Gefühl gibt, da denkt jemand gerade an mich. Ich sage euch das wirklich von Herzen: „Ich bete für dich!“ Das ist das Intensivste, was ihr euren Lieben sagen könnt! Weil ihr nur die wichtigsten und besten Wünsche in ein Gebet legen würdet. Das spürt jeder!

Liebe, die meinen ganzen Körper ausfüllt, wenn wir uns dann irgendwann wiedersehen. Wenn das hier alles vorbei ist.

Und die Liebe, die mich meine Kraft für dich mobilisieren lässt. Auch wenn das bedeutet, dass ich mich in Verzicht üben muss. Wenn ich auf den Ausflug, auf Konzert, auf Gottesdienst verzichten muss. Wenn ich mir stattdessen überlegen kann, was ich dir in dieser Situation der Isolation und der allgemeinen Furcht an Gutem tun kann! Um durch meine Hände eben nicht gerade eine unsichtbare Krankheit zu bringen, sondern den für alle sichtbaren Satz: „Fürchte dich nicht!“



Er ist der Geist der Besonnenheit. Die mir eben auch ohne die einengende Angst das zu tun aufgibt, was hilfreich ist. Nämlich dafür zu sorgen, dass wir diese Krankheit verlangsamen! Damit denen, die sich anstecken, in einem guten Maß ärztliche Hilfe zukommen kann. Damit wir auf uns und auch auf andere achten können. Besonnenheit gibt mir die nötige Einsicht, verzichten zu können. Und das kritische Bewusstsein, nicht auf jede Panik einzusteigen. Im Moment weiß niemand, wo es genau hingeht. Wie es genau aussieht in vier Wochen. Besonnenheit lässt mich das aushalten. Das Notwendige zur richtigen Zeit angehen.

Besonnenheit ist der Moment, in dem ich mich kurz zurücknehme, einmal durchatme und zu mir selbst sage: „Fürchte dich nicht!“



Ein Geist, 3 Auswirkungen, 365 Mal „Fürchte dich nicht!“

Die jüdische Schriftstellerin Rose Ausländer ist dem Nationalsozialismus ausgeliefert gewesen. Sie hat die Gräuel, die Angst und Furcht um sich selbst und ihre Lieben am eigenen Leib erfahren. Sie wusste, was es bedeutet, dieses Wort: Angst. Und was schreibt sie dazu? „Wirf deine Angst in die Luft!“ Eine beeindruckende Leichtigkeit. So selbstbewusst geht auch der Geist mit der Furcht um. Keiner von uns ist in der Angst hoffnungslos gefangen. Keiner der Angst ausgeliefert. Gott hat uns den Geist der Kraft, Liebe und Besonnenheit geschenkt, damit wir einen ersten Schritt aus der Angst heraus machen können. Damit ich zu dir mit voller Überzeugung sagen kann: Du bist frei! Verzweifle nicht. Wirf deine Angst in die Luft! Fürchte dich nicht!

Amen.

Herzlichen Dank an Daniela Hammelsbeck für manche Idee und Formulierung.